Rommert ARD kl

Foto: Sreenshot ARD
Vielen Dank! Ich will mal erzählen, warum ich früher den Eurovision Song Contest schräg fand. Das hat mit einer jungen Frau zu tun, die ich kannte. Sie wollte das werden, was ich heute bin: Pastor, Pastorin. Doch sie schmiss ihr Studium ... nach ein paar Semestern – heute ist der Grund nur schwer zu verstehen. Sie war lesbisch. Und dann Pastorin? ... Damals sah sie keine Zukunft in diesem Beruf. Sie fürchtete die Debatten und Diskussionen. Also entschied sie sich, ihren Traum-beruf aufzugeben.
Auch für mich passte das damals nicht zusammen. Gleichgeschlechtlich und Pastorin. Heute denke ich oft daran, wieviel meine Worte in ihr wohl verletzt haben. Ich war ihr keine Hilfe. Ich hatte Vorurteile ...
Jetzt können Sie sich vorstellen, wie ich damals dem Eurovision Song Contest gegenüberstand. Er war schon immer eine Bühne, auf der es bunt, schräg, verrückt zuging. Der ESC war schon immer ein Ort, an dem auch die Akzeptanz von gleichgeschlechtlich Liebenden eingefordert wurde. Viele Jahre habe ich das alles abgelehnt.
Doch ich habe mich verändert. Wissen Sie, wenn Sie als Pastor jahrelang von Toleranz reden, vom Wert eines Menschen, von seiner Würde vor Gott, davon, dass Gott alle Menschen liebt, so wie sie sind, dann kommen Sie zu dem großen Traum, den Martin Luther King so beschrieb: „Ich habe einen Traum, dass eines Tages die Söhne von früheren Sklaven und die Söhne von früheren Sklavenbesitzern auf den roten Hügeln von Georgia sich am Tisch der Bruderschaft gemeinsam niedersetzen können.“
Sechzig Jahre sind diese Worte alt. Ich habe diesen Satz immer wieder in meinem Leben gehört. Und ich habe mich oft gefragt: mit wem müsstest Du Dich eigentlich mal an einen Tisch setzen? Weil Du die unendliche Vielfalt menschlichen Lebens kaum erträgst. Weil Du Dich durch das Anderssein bedroht fühlst.
Während meines Studiums waren das Menschen wie die junge Frau, von der ich gerade erzählt habe. Ich würde so gerne wissen, was aus ihr geworden ist. Irgendwann merkte ich wiewertvoll es sein kann, Schwulen und Lesben zuzuhören. Menschen, die eine Transition hinter sich haben oder die bi sind.
Zuhören - anstatt sie mit meinen Standpunkten zuzutexten. Und zum Glück waren sie tolerant mit mir. Sie erzählten mir ihre Geschichten. Ihre Verletzungen. Ihre Niederlagen und sie erzählten mir, wie sie dennoch weiter machten. Weiter träumten. Weiter glaubten. Auch wenn sie ausgegrenzt wurden. Mich haben diese Begegnungen verändert.
Und das ist bei allem, was dem Eurovision Song Contest vorgeworfen werden könnte, die Kraft, die in ihm steckt. Wir leben in unterschiedlichen Ländern. Wir glauben unterschiedliche Dinge. Wir sprechen unterschiedliche Sprachen. Wir lieben unterschiedlich. Aber die Musik verbindet uns. In Hamburg. In Europa. In Tel Aviv. Der ESC hat die Kraft zu verbinden. Das ist wichtig, denn er findet in Israel statt. Seit Jahrzehnten wird hier unerbittlich gekämpft. Auch hier gehört der Traum Martin Luther Kings hin. Gemeinsam an einem Tisch sit-zen. Ausgerechnet hier, wo so oft der Hass von den Eltern auf die Kinder vererbt wird. Und jetzt: Dare to dream! Wagt es zu träumen. Ich wünsche viel Spaß bei der Show!
Christian Rommert · Wort zum Sonntag · 18.05.2019 · ARD
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